Tafelfreude: Porzellan

Auf den neuen Wandtellern und Kaffeebechern von Meissen tummeln sich nicht nostalgische Streublumen, sondern coole junge Leute aus aller Welt. Der vollbärtige James etwa, Chloe mit dem Schmollmund  und auch Greta und Florian, beide mit markantem Profil ausgestattet. Gezeichnet in Cocteauscher Manier hat sie Otto Drögsler, einer der beiden neuen Kreativdirektoren der berühmten Porzellanmanufaktur. Otto Drögsler und sein Partner Jörg Ehrlich haben in den letzten Jahren mit ihrem Fashion Label Odeeh modische Erfolgsgeschichte geschrieben. Jetzt wollen sie Meissen modernisieren, ein neues Publikum finden und auch den Gesamtauftritt der Manufaktur auf die Höhe der Zeit bringen. Da sind sie nicht die Einzigen: Fürstenberg kooperiert mit Sebastian Herkner, einem der erfolgreichsten deutschen Produktdesigner. Hella Jongerius setzt Tiermotive aus den Archiven von Nymphenburg neu auf Tellern um, Villeroy & Boch legt sein klassisches Service Wildrose als Rose Sauvage neu auf, Louise Campbell hat für Royal Copenhagen die berühmte Musselmalet-Serie überarbeitet. Und die Königliche Porzellanmanufaktur Berlin bietet einen schlichten weißen Becher zusammen mit einer Flasche Wodka als Berlin Mule Set an. Sie alle setzen mit modernisierten Dekors und neuen Produkten auf neue Zielgruppen. Porzellan ist wieder angesagt. Mit rund 2300 Ausstellern ist die „Dining“ genannte Sektion auf der Ambiente die größte und wichtigste. Hier wird alles gezeigt was Küche und Tisch schöner machen. 6,3 Mrd. Euro Gesamtumsatz 2017, sogar noch etwas mehr als im Vorjahr, kann der Handelsverbands Koch- und Tischkultur (GPK) verkünden. Besonderes plus machen insbesondere Geschirr, Tischtextilen und dekorative Accessoires. „Man will’s wieder schön zuhause: Gäste bewirten, zusammen kochen, vielleicht auch gleich in der Küche gemeinsam essen. Eine lässige Form von „besonders einladen“ entwickelt sich“, fassen die Meissner Kreativdirektoren Jörg Ehrlich und Otto Drögsler zusammen. Chris Glass, als Gastgeber, Künstler und Mitglied der internationalen Party Family, die die Meissner Wandteller inspiriert, bekannt, hat im Berliner Wedding das aptm eröffnet. Aus einer ehemaligen Fabriketage wurde „A place to meet“, in dem er wechselnde Interior-Ausstellungen präsentiert. Man kann das auf Hochglanz renovierte Loft aber auch für verschiedene Anlässe mieten, etwa für eine Dinner-Party. Natürlich findet sich in der aktuellen Designausstellung, die sich mit dem Thema „Was ist Deutsch?“ beschäftigt, auch Porzellan von Meissen und Rosenthal. Zum Universum von Foodies und Besser-Essern gehört eben neben der biologisch angebauten Pastinake, feinstes Kochgeschirr und schließlich auch Porzellan – im Gourmetrestaurant und zu Hause. Denn auch das Geschirr, von dem man den Bachsaibling an Rhabarber und grünem Spargel in kleinen Portionen auf die wohlgeformte Gabel häuft, spiegelt Lebenshaltung und Lifestyle. Für Selbstdarstellung und Vergewisserung und ohne Frage auch erhöhten Genuss muss das Gesamtpaket stimmen. Und da spielt das Porzellan eine entscheidende Rolle, man möchte fast sagen eine Charakterrolle. Nicht Konvention, sondern Emotion ist nämlich das Thema.

Patchwork Porzellan hat das Flair gelebten Lebens

 

 

Für das entspannte Beisammensein unter Freunden sollte der gedeckte Tisch nicht Angst davor machen die Etikette zu verletzen, sondern dazu einladen, sich mit Appetit und guter Laune an ihn zu setzten. Und dafür braucht es nicht das herkömmliche Service, das vom Vorspeisenteller über die Sauciere bis zur Dessertschüssel die komplette Abfolge eines bürgerlichen Menüs bestückt. Interessanter, lässiger und viel zeitgemäßer sind individuelle, scheinbar oder auch tatsächlich zusammengewürfelte Einzelteile. Wie in der Mode, gibt es dabei eine erstaunliche Diskrepanz zwischen massenhaft hergestelltem Gebrauchsgeschirr, das – ähnlich wie die Kleider mancher Hersteller – das Waschen eigentlich nicht lohnt, und einer neuen Wertschätzung für feinste, sehr hochwertige Porzellanwaren. Das Tee-Service der ursprünglich aus Minsk stammenden, in den Niederlanden arbeitenden Künstlerin Vika Mitrichenka etwa hat schon Kunstcharakter. Die Kannen und Tassen sind aus unterschiedlichsten Teilen gebrochenen Porzellans zusammengesetzt sind. Eine Erinnerung an ihre Großmutter, wie sie sagt, bei der nie ein Teil weggeworfen wurde, die sich nicht an Brüchen oder Stößen störte. Mitrichenka Patchwork Porzellan oder aber einfach auch nur ein Mix verschiedener Stile verströmen das so sehr gewünschte Flair gelebten Lebens. Wenn Teller fehlen, müssen sie nicht durch identische ersetzt werden. Im Gegenteil. Und eine Untertasse kann auch als Ablage für Kekse verwendet, in der Teetasse ein Süppchen serviert werden. Kombinierbarkeit untereinander und Teile eines Services vielfältig nutzen zu können, sind aktuell entscheidende Kriterien für den Erfolg einer neuen Linie. Stefanie Hering ist es sogar gelungen, eine eigene äußerst erfolgreiche Porzellanmarke zu etablieren. 1992 gründete die Schwäbin ihre Manufaktur in Berlin und ist heute international von Spitzengastronomen und Privatleuten gefragt. Die Kombination von seidig-mattem Biskuitporzellan und glasierten Oberflächen, für die sie bekannt ist, lädt zum Streicheln ein, sie verleiht ihren Stücken eine besondere Sinnlichkeit, die ohne Frage – neben der schönen Form – zum Erfolg beiträgt. Gemeinsam mit dem Berliner DJ-Duo Blænk Minds hat Hering gerade auch Clubszene, Videokunst und Handwerk vernetzt. Bei ihr und anderen Porzellanherstellern ist es inzwischen selbstverständlich, dass man aus einer Schale Tee trinken kann und bei anderer Gelegenheit auch Reis in ihr serviert. Die Serien „Mesh it“ bei Rosenthal, „Cosmopolitan“ von Meissen oder „Seven“ von Sieger stehen für eine neue Porzellankultur, die sich veränderten Lebensgewohnheiten angepasst hat.

Kitsch- oder Kunstobjekt?

 

 

Auch Porzellanobjekte wie das Rhinozeros Clara von  Nymphenburg, das seit dem 18. Jahrhundert hergestellt wird, sind ziemlich angesagt. Über derartige Tischdekorationen kamen damals miteinander unbekannte Gäste ins Gespräch. Heute findet sich Clara als aparter Hingucker in coolen Concept-Stores (etwa dem von Andreas Murkudis in Berlin), um dann ein neues Zuhause zum Beispiel im durchgestylten Townhouse zu finden. Das schuppige, lebensecht nachgebildete Tier verleiht dem geschmackvollen Ambiente einen Tick Exzentrizität und irgendwie auch Tradition. Aber auch Nymphenburg geht selbstverständlich neue Wege. Im Angebot findet sich aktuell zum Beispiel eine nur mit Slip und High Heels bekleidete junge Schöne vom Londoner Künstler Don Brown, eine fragwürdige Salonschönheit – auch ohne Me-too-Debatte. Das für seinen Hang zum Kitsch eher berüchtigte als berühmte spanische Unternehmens Lladrò , hat ebenfalls die Zeichen der Zeit erkannt und Kreative wie den Modemacher Paul Smith oder das junge Londoner Design Studio Committee engagiert, um die Figurine aus Omas Vitrine neu zu erfinden, vom Kitsch in ein Kunstobjekt zu verwandeln. Ob das porzellanene Liebespaar mit den Rosenblüten besetzten Köpfen ironisch ein Klischee bedient, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen. Das liegt wohl im Auge des Betrachters und mag sogar Strategie sein. Die Eine findet das turtelnde Rosenpaar vermutlich cool, dem Anderen lässt es das Herz schmelzen. Paul Smith hat für Lladrò so etwas wie ein clowneskes Marsmännchen entworfen. Lässt sich über Geschmack vielleicht doch streiten? Die neuen Porzellanobjekte sind vermutlich in Jeff Koons´scher Tradition zu sehen. Der erhob als erster Kitsch in den Rang von Kunst. Fest steht: Eine durchaus kräftige Strömung in der Vielfalt der Trends sehnt sich auch in Sachen Porzellan nach Opulenz und Dekorativität. Kitsch und Kunst sind dicht beieinander. Bei der neuen Porzellan- und Tischkultur geht es am Ende meist vor allem um Erlebnishunger, um Dinge, die Geschichten erzählen und lebendig sind. So versuchen Marketingexperten Produkte heute zu verkaufen, auch Porzellan. Glücklich, wer da noch im Besitz von Omas angeschlagenem Porzellan ist. Das erfüllt genau diese Kriterien. Es muss ja nicht gleich das ganze hundertteilige Service sein.