Mailand Herbst/Winter 2019 – Müde Mode

Was für ein Timing! Karl Lagerfelds Tod genau zur Halbzeit der Schauen für den Winter 2019 – nach London und New York und vor Mailand und Paris – hat nicht nur die Modewelt tief getroffen. Lagerfeld, dieser Meister des Flüchtigen, der immer nur nach vorne geschaut hat, immer in Bewegung war, hat sich verabschiedet. Endgültig. Für einen Moment schien es, als stände die Mode still. Nicht nur in Paris bei Chanel. In Mailand war Lagerfeld ja sogar noch viel länger tätig, nämlich seit 1965 Chef-Designer bei Fendi. Gemeinsam mit Silvia Venturini Fendi hat er das Haus, ursprünglich spezialisiert auf Pelze und Lederwaren, in ein Fashionlabel verwandelt. Ein besonders exklusives und gerade in den letzten Saisons auch wieder besonders begehrtes. Seine Idee war es, das Fendi Logo zu doppeln. Die zwei sich umgekehrt gegenüber stehenden Fs stehen für Fun Fur, also Spaß-Pelz. Die aufwendig und mit modernster Technik verarbeiteten Pelze, bunt gefärbt, geflochten oder mit Intarsien, blieben immer ein Aushängeschild von Fendi und waren regelmäßig Anlass für Pelzgegner, vor der Schau zu demonstrieren. Auch diesmal wieder. Einen Moment stand die Vermutung im Raum, ob die Schau so kurz nach seinem Tod abgesagt werden würde. Aber das wäre nicht in Karls Sinn gewesen und ist auch nicht Sinn der Mode. Es muss weitergehen, innehalten gilt nicht. Wer hat das besser vorgelebt, quasi gefordert, als Lagerfeld selbst. „Love Karl“ stand in schwarzer Schrift über dem Fendi Laufsteg, ansonsten business as usual. Die letzte Kollektion mit den hohen Krägen, die er selbst trug, den großen Schleifen, zarten Kleidern und strengen Mänteln war unverkennbar Lagerfeld. Als die letzten Models vorm Laufsteg gegangen waren und sich Silvia Venturini Fendi allein gezeigt hatte, wurde dann doch noch einmal kurz innegehalten. Normalerweise stürmen alle Besucher zur nächsten Schau, so schnell es die Höflichkeit erlaubt. Gerade als es soweit war, wurde es bei Fendi wieder dunkel und Lagerfeld bekam noch ein letztes Mal das letzte Wort. Im Video erinnerte er sich an seinen Start bei Fendi, und was er damals trug. „Es war die längste Liebesgeschichte der Mode“, schrieb Silvia Venturini Fendi in den Shownotiz

 

 

Gut angezogen, in der Mode kein Kriterium

 

Was Lagerfeld für Paris war, ist Giorgio Armani für Mailand. Armani, 84, hat nun die Position des letzten lebenden Großmeisters der Mode – nicht nur in Mailand. Sein kurzer Auftritt immer in dunkelblauem Shirt und blauer Hose im Lichtkegel am Ende des ansonsten dunklen Laufstegs ist inzwischen so ikonisch wie die Lagerfeld-Silhouette mit dem Mozartzopf. In seiner zurückhaltenden diskreten Art war Armani, der aus dem Nichts ein eigenes Imperium aufgebaut hat, immer ein ganz anderes Naturell als der schillernde Lagerfeld. Und so schreibt Armani auch in seinem Statement zu Lagerfeld, dass er ihn nicht nur für sein professionelles Talent geschätzt habe, sondern auch für sein Leben, dass er in ein Kunstwerk verwandelt habe, „die Lagerfeld-Art zu sein“. Mit dieser Kunst sei es Lagerfeld gelungen, in seinem Design für andere Labels immer auch als Persönlichkeit sichtbar zu werden. Armani, der vielen in der Modebranche inzwischen als ein wenig gestrig erscheint, ist es gelungen in seinen Kollektionen nicht nur sichtbar zu werden, sondern einen Stil zu prägen. Das weiche Armani Sakko mit den runden Schultern ist so etwas wie das von Chanel erfundene „Kleine Schwarze“. Ganz klar, dass es auch in seiner „Rhapsodie in blue“ genannten aktuellen Kollektion in vielen Varianten eine Rolle spielt. Oft wird es kombiniert mit Jodhpurhosen, die dem Look eine sportive und exotische Note geben. So sieht gut angezogen aus. Gut angezogen zu sein, ist nun eigentlich kein Kriterium der Mode, vor allen Dingen der Schauen, die oft im Extrem einen Stil der Zeit, den Zeitgeist spiegeln wollen. Und der scheint schwer ausfindig zu machen zu sein.

 

 

Längst gibt es nicht mehr einen Look, dem alle folgen, vielmehr präsentiert jeder Designer seine individuellen Ideen, die oft von sehr persönlichen Erinnerungen inspiriert sind. Ob die Röcke lang oder kurz, sind spielt dabei längst keine Rolle mehr. Die interessantesten Ideen finden sich bei den kleinen, den jüngeren und weniger kommerziellen Labels. Etwa beim Österreicher Artur Arbesser, der seine Schuljungenhosen in der aktuellen Kollektion neu interpretierte. Die Schau von Antonio Marras ähnelt immer einer Theateraufführung; diesmal war sie inspiriert von Briefen, die der Maler Modigliani geschrieben hat. Eine nostalgische Vorstellung mit Military-Elementen, knöchelkurzen Hosen für die Männer und Spitzen, Plissées, Tüll und glitzernden Kristallen für die Damen. Amüsant auch die Marni Schau mit dem Thema „Neuroerotik“ des jungen Designers Francesco Risso. Ihm geht es um die Freiheit des Geistes, der Erotik und überhaupt, um das Überschreiten der Grenzen, die sich Frauen und Männer selbst setzten. Mit langwehenden Schalkleidern, goldenen Ketten und Gürteln setzt er seine Botschaft in Szene. Bei den Big Playern war Gucci trotz der Masken aus dem Fetish Shop, die viele der Models trugen, von eher untypisch zurückhaltender Exzentrik. Die Masken, wie Kleidung generell, seien Schutz vor dem Aussen, sagt Designer Alessandro Michele. Unübersehbar macht er den generellen Trend zu wieder mehr Weite in der Mode. Vieles scheint eine Nummer zu groß – mindestens. Miuccia Prada, die ihre Mode immer als auch als Reflexion gesellschaftlicher Verhältnisse sieht, sorgt sich um den Zustand Europas. Sie versteht ihre Kollektion als ein Zeichen des Widerstands und als Ansage gegen die Angst. Ihre dunkle Kollektion mit den vielen schwarzen Kleidern, auf denen großen 3D-Blumen blühen, war denn auch von dunkler Romantik. Donatella Versace präsentierte luxuriösen Grunge Look, bei Dolce & Gabbana war „Eleganza“ das Motto. Eine Kollektion, in der die Frau ganz Dame ist und sich wohl um nichts anders sorgt, als die Frage, welchen Fummel sie zum nächsten Cocktail trägt. Genauso schön wie aus der Zeit gefallen. Lagerfeld zeigte sich im Januar nach seiner letzten Schau nicht. Begründung: Er „sei zu müde.“ Vielleicht war er damit schon wieder Trendsetter. Die Mode erschien in Mailand ein wenig von sich selbst erschöpft.