Leiser Luxus
Große Logos verlieren ihren Glanz, Preloved-Mode erobert die Kleiderschränke. Wahrer Luxus ist leise – das passt erstaunlich gut zu unruhigen Zeiten.
Wer auf Instagram Mode-Posts folgt, bekommt immer öfter Tweets zugespielt, in denen über die Frage nachgedacht wird, ob High-End-Fashion-Labels wie Dior, Chanel, Loewe, The Row und viele andere tatsächlich noch für Luxus stehen – und was Luxus eigentlich bedeutet. Lange galt: Diese Marken bestimmen die Mode und setzen Trends. Doch inzwischen sind ihre Preise selbst für sehr gut verdienende Menschen kaum noch nachvollziehbar. Eine Bluse für 2.000 Euro, Jeans für 600 Euro oder ein Polohemd für 800 Euro – viele, die sich früher gelegentlich ein besonderes Stück gönnten, sagen heute: „Nein, danke. Das ist kein Luxus, da werde ich für dumm verkauft.“ Die Luxusmarken haben dadurch viele ihrer Kundinnen und Kunden verloren. Nun versuchen sie, die Preisspirale wieder etwas nach unten zu drehen. Das wiederum macht sie weniger attraktiv für ihre VIC-Kundinnen und -Kunden (Very Important Clients) mit nach oben offenem Budget. Was also bedeutet Mode heute eigentlich noch? Sind Trends überhaupt noch relevant für unser alltägliches Leben?
Der Vintage-Boom
Während der klassische Luxusmarkt schwächelt, boomt Vintage. Mode aus zweiter Hand, heute gern „Preloved“ oder „aus dem Archiv“ genannt, ist für viele die anziehendere Alternative zu den aus dem Ruder gelaufenen Preisen der großen Labels. Studierende an Modeschulen, so höre ich von Professorinnen und Professoren, interessieren sich gar nicht mehr für die großen Labels und die Schauen in Mailand, Paris oder New York. Sie träumen nicht davon, bei Prada, Gucci oder Dior anzuheuern, sondern wollen Mode für ihren Kiez machen. Ganz groß im Trend ist bei diesen angehenden Designern das Upcycling. Aus Alt mach Neu – für Family and Friends – lautet ihre Devise. Trends, bei denen es um Silhouetten, Rocklängen oder bestimmte Farben geht, interessieren sie kaum noch. Und wenn doch, dann gelten sie nur für eine kleine Gruppe Eingeweihter, die sich gegenseitig erkennt.
Qualität statt Logo
Persönlichkeit und Individualität zu zeigen, ist also die zentrale modische Herausforderung unserer Zeit. Dazu gehört das Geschick, Lieblingsstücke aus dem eigenen Archiv mit neuen zu kombinieren und auf besondere Statement-Pieces zu setzen. Komplette Looks neu zu kaufen, ist weder luxuriös noch zeitgemäß. Luxus zeigt sich heute am ehesten in der Qualität der Verarbeitung und in der Wahl der Materialien. Carl Tillessen, Geschäftsführer des Deutschen Modeinstituts, sieht eine radikale Verschiebung der Prioritäten im Modebusiness. Das Produkt rücke wieder in den Mittelpunkt. Der Ausflug der Mode in Richtung Streetwear und Sportswear sowie das Marketing rund um designmäßig eher banale Produkte hätten dazu geführt, dass für gewöhnliche Designer-Sneaker, T-Shirts, Jogginghosen und Hoodies in ganz gewöhnlichen Schnitten und Materialien in den vergangenen Jahren ganz ungewöhnliche Preise bezahlt wurden.
Diese Phase sei nun vorbei, ist Carl Tillessen überzeugt. Mit raffinierten Schnitten, erlesenen Materialien, exquisiten Farben, fantasievollen Mustern und der Liebe zum Detail könnten die Labels ihre Kundinnen und Kunden am ehesten zurückgewinnen. Genau diese Attribute beschreiben einen Luxus, der nicht nur behauptet wird, sondern sich darauf besinnt, dass sich nur das Besondere, handwerklich Vorzügliche luxuriös nennen sollte – und einen Preis, wenn auch nicht jeden, wert ist.
Die neue Saison: vertraut und verführerisch
Tatsächlich wirkt die Mode im Herbst/Winter 2026/27 auf eine angenehm selbstverständliche Art und Weise luxuriös wie lange nicht mehr. Wenn sich jetzt noch die Preise in die richtige Richtung bewegen, ist sie also durchaus verführerisch. Im ersten Moment überraschend, im zweiten aber durchaus einleuchtend ist, dass die aktuellen Kollektionen gerade deswegen gefallen, weil sie so vertraut, in gewisser Weise verlässlich wirken. Das ist interessant, weil gerade die Mode doch immer für Beweglichkeit und Schnelllebigkeit stand. Jetzt, wo eine Flut von Posts und ständig neue Nachrichten manchmal atemlos machen, bieten sich die neuen Sakkos, Hosen und Kleider als Begleiter an, die uns sicher umhüllen, schmeicheln und Schutz gewähren. Die Schnitte geben Bewegungsfreiheit, ohne überproportional oversized zu sein, wie es in vergangenen Kollektionen oftmals der Fall war. Warme Braun- und Cognactöne, Bordeaux, Oliv, Anthrazit und cremige Naturfarben sind All-Time-Favorites und verleihen dieser Saison ihr harmonisches Gesamtbild. Kräftige Akzente setzen etwa Kirschrot, sanftes Gelb oder Violett. Die Stoffe sind oft kuschelweich und anschmiegsam. Kaschmir, Flanell, Doubleface, Leder und Samt unterstreichen die luxuriöse Anmutung. Auch Männer tragen weiche Stoffe, feinen Strick oder fließende Mäntel. Beiden Geschlechtern stehen Bundfaltenhosen und Anzüge gut. Ein Statement-Piece bleibt für sie und für ihn das Sakko. Es ist großzügig geschnitten, mit architektonisch konstruierten Schultern und leicht tailliert. Je nachdem, wie es kombiniert wird, passt es zum Business-Meeting oder zum Partytalk.
Understatement als Statement
Diese Herbst-/Winterkollektionen sind nichts für Angeber. Große Logos spielen kaum noch eine Rolle. Im Vordergrund steht qualitative Wertigkeit, die ganz selbstverständlich sichtbar ist und die man spüren, ja beinahe berühren möchte. Trotz ihrer Zurückgenommenheit besitzen diese Kleider eine sinnliche Qualität und werden gut altern. Ein paar Falten zeugen von Leben, Patina macht Leder noch anziehender. Lange Schals, kniehohe Stiefel, Bowling Bags, Shopper und klassische Handtaschen runden die Looks ab, geben ihnen zusätzlichen Reiz.
Diese Kollektionen sind nicht retro, sie zeugen von einem überzeitlichen Stilwillen.
Klassisch modern – mit einem Twist
Man könnte sagen, sie sind klassisch modern – mit einem Twist. Im Interior-Bereich beschreibt die Klassische Moderne einen minimalistischen, zeitlos eleganten, eher kühlen Wohnstil. Kühl kann man aktuell jedoch weder die Mode- noch die Interior-Trends nennen. Den Designerinnen und Designern beider Disziplinen gelingt es, die klassisch-moderne Formensprache so zu interpretieren und zu kombinieren, dass sie Persönlichkeit bekommt, Seele hat. Edelstahl trifft auf weiche Polster mit großzügigen Faltenwürfen, Stein auf warmes Holz, Glas auf strukturierte Stoffe. Komfort und anspruchsvolles Design bilden dabei keinen Gegensatz mehr, sondern ergänzen sich ganz selbstverständlich. Die Farbwelten erzählen eine ähnliche Geschichte wie die Mode. Brauntöne, Grau, Burgunder und warme Cremetöne bestimmen Möbel ebenso wie Fashion-Kollektionen. Farbiges Glas, Keramik, Naturstein und ausdrucksstarke Hölzer schaffen eine Atmosphäre, die Ruhe und Geborgenheit ausstrahlt. Zitate aus den Fünfziger-, Siebziger- und den frühen Zweitausenderjahren tauchen im Interior stärker auf als in der Mode, werden jedoch nicht nostalgisch kopiert. Vielmehr werden sie neu interpretiert und mit zeitgenössischen Entwürfen kombiniert. Vintage gehört längst nicht mehr nur zur Garderobe, sondern ebenso selbstverständlich ins Wohnzimmer. Räume sollen Charakter besitzen, nicht Perfektion ausstrahlen. Das ist der neue Luxus: Dinge mit Geschichte, exzellente Materialien und eine Gestaltung, die Persönlichkeit über Prestige stellt.


















